Welthistorikerin Oz-Salzberger
Vom Lieben einer gehassten Stadt
 
Fania Oz-Salzberger, die Historikerin und Tochter des Star-Autoren Amos Oz, über Israels Hass-Liebe zu Berlin und die neue Unnormalität der Hauptstadt: "Jeder Israeli, der nach Berlin kommt, verändert sich."




Frau Oz-Salzberger, ist es einem Israeli erlaubt, Berlin zu lieben?

Natürlich. Wenn ich sage, ich mag oder liebe Berlin, kann ich es zur gleichen Zeit hassen. Im modernen Israel, im Israel, das in die Zukunft guckt, geht von Berlin eine konstante Faszination für die Menschen aus. Ich habe Kontakt zu Hunderten von Israelis, die in Berlin waren oder die sich Bücher kaufen, weil sie Berlin fantastisch finden. Die Zahl der Israelis, die als Studenten und Künstler nach Berlin gehen, wächst und wächst, insbesondere in den letzten Jahren. Die Gesellschaften, nicht nur die Regierungen reden miteinander. Auch die Zahl der Deutschen, die Israel besuchen, steigt.

Sind Israel und Deutschland, Berlin und Tel Aviv auf dem Weg zur Normalität?

Nein. Ich nenne es nicht Normalität, sondern neue Unnormalität, was nichts Negatives heißt. Als ich vor 23 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, lebten hier noch Nazis, die im Holocaust aktiv waren. Das ist jetzt nicht mehr so und das macht es vielen in meiner Generation leichter, nach Berlin zu kommen. Trotzdem: Auch wenn ich über das Leben, neue Freundschaften oder Liebesgeschichten zwischen Israelis und Deutschen rede, spreche ich nie vom Vergessen.

Ein Jahr haben Sie in Berlin gelebt. Hat Sie das verändert?

Natürlich. Jeder Israeli, der nach Berlin kommt, verändert sich, genauso wie sich jeder Berliner verändert, der nach Jerusalem kommt. Wir Israelis und die Deutschen haben einen Weg gefunden, uns gegenseitig zu verändern, den Blick auf die Geschichte, das Jetzt und die Zukunft.

Was schätzen Sie an Berlin?

Das Berlin von heute ist eine sehr aktive, energische, vibrierende Stadt, ich habe keine Zweifel an seiner Zukunft. In Berlin habe ich gelernt, dass es möglich ist, am Morgen ins Haus der Wannsee-Konferenz zu gehen, am Nachmittag ins Kunstmuseum und am Abend in die Jazz-Bar in Kreuzberg und zu fühlen, dass das absolut richtig so ist.

Die Aufarbeitung, mindert die etwas an der Last der Geschichte?

Berlin ist beschädigt, tief beschädigt. Doch dieser Schaden ist für mich Teil seiner Schönheit. Wir leben nicht in einer Zeit der Perfektion. Alle modernen oder post-modernen Städte müssen beschädigt sein. Und die Art, wie Berlin an seine Geschichte erinnert, so offen und ehrlich, wie es die Erinnerung in die Kunst und ins Leben integriert, ist für mich sehr faszinierend - obwohl die Stadt eine sehr mächtige Vergangenheit hat, mächtiger und schwieriger, dunkler als alle anderen Städte in Deutschland. Um es kurz zu machen: Das neue Berlin ist menschlich in all seinen Dimensionen, seiner Diversität und das ist die Lektion, die es aus seiner Geschichte gelernt hat, gut gelernt hat.

Es ist neuerdings so viel von einem neuen Dialog die Rede…

Berlin steht in einem ganz besonderen Dialog mit Tel Aviv, Jerusalem, auch mit Haifa. Die Städte kommunizieren miteinander in einer Sprache der Kunst, der Literatur, der Architektur und in den letzten Jahren immer mehr über die Sprache des Kinos. Das ist wichtig und eine völlig andere Art, als wenn Israel mit Deutschland, Deutschland mit Israel oder Juden zu Deutschen sprechen würden. Städte ermöglichen es den jungen Leuten, miteinander ins Gespräch zu kommen, von Berlin nach Tel Aviv, von Jerusalem nach Berlin.

Das heißt: Noch mehr reisen, sich noch besser kennen lernen?

Ich bin dafür, dass jeder Deutsche einmal nach Jerusalem und Tel Aviv kommt und dass jeder Israeli Berlin besucht. Das würde uns zu besseren Israelis und besseren Deutschen machen.

Jerusalem oder Tel Aviv – welche Stadt ist Berlin in Mentalität, Kunst und Architektur näher?

Ich würde sagen, Tel Aviv. Berlin und Tel Aviv sind beides Weltstädte. Manchmal würden sich Berlin und Tel Aviv wünschen, keinen Staat um sich herum zu haben. Manchmal sind sie ihres Staates einfach müde und würden alleine weiter gehen.


Haben Sie schon einmal einen Israeli getroffen, der in Berlin war und nicht wieder hin wollte?

Nein. Die meisten sagen mir, das war ein Besuch, den ich nie vergessen werde. Es geht ihnen dann nicht um das, was sie am meisten mochten. Sondern um die Kombination aus dem, was sie liebten und dem, was sie hassten.

Einem Israeli, der noch nie in Berlin war, was raten Sie ihm: Wo soll er hingehen?

Ins Kaffee Einstein. Ich sage ihm: Geh direkt dorthin, zum alten in der Kurfürstenstraße, nicht dem neuen Unter den Linden. Oder zum Live-Jazz ins Yorck-Schlösschen. Beide Lokale gehören zu meinen Lieblingsplätzen in der Welt.



Oz-Salzberger: Ein Buch und seine Bedeutung

Jan Rentzow