Konvertieren
Acht Schritte musst du gehen
 
Das Rückkehrgesetz von 1950 garantiert allen Juden, israelische Staatsbürger werden zu können. Als Jude gilt, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist. Ein Rabbiner erklärt, wie er Christen auf dem Weg ihrer Konversion zum Judentum begleitet – und warum nicht jeder Jude werden kann.
Konvertieren ist mehr, als ein Blick risikieren

Dieser Rabbiner wohnt auf 180 Quadratmeter Parkett. Ein warmes Wohnzimmer. An der Wand hängen religöse Schriften auf Hebräisch. Ein Schachbrett deckt den Tisch. Klassik knistert aus der Stereoanlage. An der Tür zum Arbeitszimmer ein Schild: „Vorsicht, bissiger Rabbiner“. Theorie. Praxis: Walter Luis Rothschild (53, drei Kinder) gilt als liberaler Rabbiner. Selbst bezeichnet er sich als „überaller Rabbiner“. Der Buchautor („99 Fragen zum Judentum“) studierte Theologie und Pädagogik in seinem Geburtsland England, in Cambridge. 1998 kam er nach Berlin, bis 2000 war er Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin, seither ist Rothschild freiberuflicher Geistlicher und europaweit tätig.

Will ein Christ zum Judentum konvertieren (Gijur), muss er Rothschild überzeugen. Zehn bis 15 Menschen schaffen das jedes Jahr. Ein ganzes Hängeregister in seinem Büro ist für Berliner Konvertiten, andere für Menschen aus Schleswig-Holstein, Köln oder Wien. Die meisten Christen, ein paar Muslime. Einige zieht es nach ihrem Übertritt nach Israel. Auf dem Weg dorthin gibt es nicht nur Rosinen. Thora statt Bibel, Stern statt Kreuz – eine Anleitung.

Acht Schritte zum religiösen Juden

Erstens: Das Telefon schellt. „Shalom“ – eine Frau grüßt und vereinbart mit Rothschild einen Gesprächstermin. Sie will zum Judentum übertreten. Er soll sie leiten, er jubelt nicht. Reibt sich stattdessen die Augen wach und notiert den Termin.

Zweitens: Die erste Begegnung. „Es wird nicht warm und freundlich sein“, sagt Rothschild. „Ich will wissen, welches Problem der Mensch hat, warum er Jude werden will.“ Manche suchten ihre Identität, haben einen jüdischen Vater oder wollen einen direkten Weg zu Gott finden. Andere haben nur einen Film über das Judentum gesehen und sind von vielen Dingen begeistert. „Dann muss man nicht jüdisch werden, dann kann man sich lieber die Rosinen rauspicken“, so Rothschild.

Er will nicht missionieren. „Von neuen Juden wird mehr erwartet als von geborenen Juden. Bei Atheisten, Homosexuellen oder Menschen, die ohne ihren Partner konvertieren wollen, bin ich zuständig, zu mahnen und abzulehnen - denn sie werden wahrscheinlich Probleme in der Gemeinde bekommen.“

Drittens: Bei Zustimmung des Rabbiners soll der Kandidat bis zu ein Jahr lang regelmäßig eine Synagoge besuchen. Rothschild: „Es ist wie im Fußball, ich muss erst trainieren, um in das Team zu kommen.“

Viertens: Werben – um die Akzeptanz in der Gemeinde. Eine Probezeit für beide Seiten. „Es geht um die Persönlichkeit, auch um das Aussehen, wie man riecht. Schlicht um Sympathie“, so der Rabbiner. „Vor Jahren kam eine Frau, die konvertieren wollte, mit einem Kreuz um den Hals in die Synagoge.“ Er schüttelt den Kopf. „Gott muss dumme Menschen lieben, er hat soviele davon gemacht, habe ich gehört.“

Fünftens: Taten sprechen lassen. Es wird erwartet, gegebenenfalls aus der Kirche auszutreten. Kopien der Geburtsurkunde und des Personalausweises werden archiviert. Bei religiösen Namen (Christian) wird eine Änderung gefordert. Die Beschneidung jedoch ist erst zu einem späteren Zeitpunkt notwendig.

Sechstens: Rabbiner und Gemeinde geben ihr Einverständnis für das Liturgische Jahr. Neben einem Gemeindebeitrag (ca. 30 Euro monatlich) werden auch Unterrichtsgebühren (ca. 20 Euro pro Sitzung) eingefordert. Eine wöchentliche Unterrichtseinheit dauert zwei Stunden. Rothschild stellt keine Hausaufgaben.

Siebtens: In einem persönlichen Gespräch legt der Konvertit seine Bereitschaft zum Übertritt dar.

Achtens: Beit Din, der Gerichtshof – drei Rabbiner prüfen den Konvertit, testen seinen jüdischen Glauben. Eine halbe Stunde lang. „Rabbiner haben nicht viel Zeit“, sagt Rothschild. Der Prüfling liest auf Hebräisch, zitiert religiöse Textstellen oder trägt sein Lieblingsgebet vor – und begründet seine Wahl. Folgt aus der Konversion eine „Mischehe“, muss der Partner anwesend sein und sein Einverständnis geben, dass er im Todesfalle gemeinsame Kinder jüdisch erzieht.

Zum Abschluss erhält der Konvertit ein Zertifikat, einen hebräischen Namen. Rothschild: „Er ist nun unser Bruder.“ Bei allen jüdischen Strömungen werden Konversionen durchgeführt. Allerdings erkennen orthodoxe Juden die Konversionen bei liberalen Rabbinern nicht an.



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Jan Wehmeyer