Was ist jüdischer Witz?
 
Ein alter Jude erzählt zwei kleinen Jungen lustige Geschichten. Das erzählen von Witzen und Anekdoten hat im Judentum eine lange Tradition

Viele Menschen denken, wenn von jüdischen Witzen die Rede ist, an die altbekannten, oft ziemlich platten Verunglimpfungen anderer Völker über Juden. Das Gegenteil ist der Fall, denn jüdischer Humor ist viel tiefgründiger und vielschichtiger als die Witze anderer Kulturen.

Ein Charakteristikum ist, dass er stets die Regeln des Lebens in Frage stellt. Ein jüdischer Witz enthält immer eine gewisse Kritik, ob in religiöser, politischer, sozialer oder philosophischer Hinsicht. Auch erscheint jüdischer Witz – im Vergleich zu den Witzen anderer Kulturen – meist tiefer, schärfer, bitterer und treffender, manchmal fast dichterisch. Ein weiteres Charakteristikum des jüdischen Witzes ist, dass er, obwohl weise und kritisch, trotzdem für jedermann verständlich ist.
Viele jüdische Witze beschreiben eine Dialogsituation zweier oder mehrerer Juden, meist mit typischen Namen wie „Kohn“ oder “Grün“. Im Vordergrund des Gesprächs steht eine besondere Logik und Argumentation der Protagonisten. Weitere charakteristische Figuren der jüdischen Anekdote sind der Rabbi, die Chassidim, der durchtriebene Kaufmann und der einfältige Goi (Nichtjude). Auch typisch, aber nicht so häufig sind Witze, in denen Christen, Amerikaner oder Preußen aufs Korn genommen werden.

Witz als Waffe

Für viele Jahrhunderte war der Witz die einzige und unentbehrliche Waffe des sonst waffen- und wehrlosen jüdischen Volkes. Es gab - besonders in der Neuzeit - Situationen, die die Juden seelisch und geistig überhaupt nur mit Hilfe ihres Witzes bewältigen konnten. Ein Beispiel sind die jüdischen Witze über das Dritte Reich.
Als berühmtester Botschafter des jüdischen Humors gilt gerade in Deutschland Ephraim Kishon. Wieder hochaktuell und populär wurde jüdische Komik durch die Filme von Woody Allen, die US-Comedy-Serie von Jerry Seinfeld und zuletzt durch „Ali G“ und „Borat“ alias Sasha Baron Cohen.

Am Anschaulichsten macht ein jüdischer Witz selbst die besondere Qualität des jüdischen Humors deutlich:

Ein Bauer lacht dreimal, wenn man ihm einen Witz erzählt: Das erste Mal, wenn man ihm den Witz erzählt, das zweite Mal, wenn man ihn ihm erklärt, und das dritte Mal, wenn er den Witz versteht.
Ein Herr lacht zweimal: Das erste Mal, wenn man ihm den Witz erzählt, das zweite Mal, wenn man ihm ihn erklärt; denn verstehen wird er ihn ohnedies nie.
Ein Offizier lacht nur einmal: Wenn man ihm den Witz erzählt, denn erklären lässt er sich ihn nicht und verstehen wird er ihn auf keinen Fall.
Erzählst du aber einem Juden einen Witz, so unterbricht er dich: "Ach, was ein alter Witz!", und er kann ihn dir besser erzählen.
Nora Wolfslast