Tagebuch
Ein Israeli in Berlin
 
Fettige Berliner, daran kann sich Aviv Russ (30) aus Tel-Aviv nicht gewöhnen. Gemeint sind nicht die Menschen der deutschen Hauptstadt, sondern jene Pfannkuchen, die dem israelischen Gebäck ähnlich sind. Im Tagebuch schreibt er über seine Erfahrungen – und warum Avocados super sind.

05.12.2007: Chanukka

Hallo, ich bin Aviv Russ und Israeli. Ich bin in Israel geboren, weiß viel über Politik, spreche Hebräisch und sehe meine Heimat als Karneval. Warum?

Nehmen Sie mich als Beispiel. Aviv Russ: 30 Jahre alt, in Haifa geboren – Israeli und Jude. Mein Großvater mütterlicherseits kommt aus Polen, meine Großmutter aus Israel. Und Oma und Opa väterlicherseits? Die sind aus Tschechien. Meine tschechische Großmutter ist Christin, und im Dezember waren wir immer bei ihr zu Besuch, um die Chanukkaleuchter anzuzünden und den Weihnachtsbaum zu dekorieren. Meine Schwägerin ist halb Marokkanerin, und ich habe zwei Pässe - einen israelischen und einen tschechischen. Verstehen Sie, warum hab ich Karneval gesagt habe?

Ich wohne jetzt seit zwei Jahren in Berlin. Studiere Judaistik und Kommunikationswissenschaft. Deutsch musste ich erst lernen. Und wie soll ich das anders sagen – es ist schweeeeer!

Aber schwerer als die Sprache ist das Heimweh. Ich hab eine neue Nichte, die ich noch nicht gesehen habe, und natürlich vermisse ich die Umarmungen von Familie und Freunden. Leider muss ich damit leben, es war meine Entscheidung, hier nach Berlin zu kommen, ich muss mich daran gewöhnen.

Zum Glück haben wir Tradition, und dadurch kann ich hier besser leben. Letzte Woche war Chanukkah – das Lichterfest. Auch hier in Berlin wurde gefeiert. Und ich fühlte mich ein bisschen wie zu Hause. Für mich ist es das perfekte Fest für den Dezember. Warum? Es ist dunkel, grau und kalt. Wir alle brauchen mehr Licht im unserem Leben. Ein paar deutsche Freunde haben mich zum Chanukkafest am Brandenburger Tor eingeladen. Ein paar Rabiner waren da, Wowi auch und noch ein paar hundert Leute. Es war kalt, aber ich fühlte schon ein bisschen wärmer. Die extra Sicherheit hat auch geholfen. Mit viel Polizei fühlt sich der typische Israeli genau wie in Israel. Da gibt es überall Kontrollen, für uns ist Alltag, Normalität. Tragisch? Vielleicht. Unbequem? Sicher! Aber solange es mich an mein Israel erinnert, war das gut.

Zu Hause, nach dem Fest, hatte ich Lust auf das traditionelle Essen für Chanukka - die Sufganija. Hier in Berlin heißen die Pfannkuchen und sind die fette Variante eines Berliners. Zum Glück habe ich den schnell wieder vergessen. Denn in der Nähe meiner Wohnung gibt es nur einen kleinen Supermarkt, keine Bäckerei und keinen Sufganija-Stand. Statt meinem Chanukkaessen habe ich dann halt 4 Avokados gekauft. Für einen Euro. Billiger und weniger Kalorien.

Immerhin, die Avokados kamen auch aus Israel.

Aviv Russ