Interview
Große Nasen? Fehlanzeige.
 
Sehen Juden jüdisch aus? Warum braucht Berlin ein Jüdisches Theater? Im Interview mit SPREE-AVIV spricht Dan Lahav, Intendant der Jüdischen Bühne „Bimah“, über das Leben in Berlin und seine Wünsche für die Juden in Deutschlands Hauptstadt.



SPREE-AVIV: Warum braucht Berlin ein jüdisches Theater?

Lahav: Nachdem das Jüdische Museum eröffnet wurde, habe ich beschlossen, das letzte Glied in der Kette mit dem Jüdischen Theater zu schließen. 55 Jahre lang gab es kein Jüdisches Theater, niemand hat sich an diese Materie herangetraut. Ich habe diesen Wunsch jahrelang mit mir herum getragen. Ein Jüdisches Theater hat viele Aufgaben. Eine davon ist, die Jüdische Kultur, die man in Deutschland versucht hat zu vernichten, fortzusetzen. Ich möchte zumindest einen kleinen Teil der unendlich großen jüdischen Kultur präsentieren. Unser Theater gibt einfache Erklärungen: Was ist das Judentum? Das kann heutzutage sonst nur das Internet. Aber wer setzt sich schon so damit auseinander?

Wie bringen Sie Ihrem Publikum das Judentum näher?

Die Leute wollen das live erleben, sie wollen das Judentum anfassen. Warum gibt es Juden mit Kippa auf dem Kopf und solche ohne? Was ist koscher? Das wird bei uns ganz einfach erklärt. Ganz wichtig ist es mir auch, zu zeigen, dass es kein „jüdisches Aussehen“ gibt. Ein Jude hat keine große Nase. Whoopi Goldberg hat eine schöne breite Nase, Goldie Hawn hat eine kleine Spitznase – beide sind Jüdinnen. Charles de Gaulle hatte einen Riesenbrummer von Nase. War er deshalb vielleicht fünf Juden auf einmal? Das sind für mich alles faschistoide Gedanken, die ihr Ziel leider oft erreicht haben. Auch heute kommen noch ältere Leute hierher und sagen: `Dieser Schauspieler sieht ja gar nicht jüdisch aus!’“

Sind denn die Schauspieler am Jüdischen Theater Juden?

Eben nicht! Jüdischsein ist ein Glaube und hat mit dem Aussehen nichts zu tun! Diese Denkweise zu ändern, ist eine wahnsinnig wichtige Aufgabe unseres Theaters. Um das zu erreichen, spielt es keine Rolle, ob unsere Schauspieler selbst Juden sind.


Was empfehlen/wünschen Sie jungen Leuten in Deutschland, um solche Vorurteile los zu werden?

Ich hoffe, dass viele junge Leute in Israel waren oder dort hinfahren. Das ist sehr interessant, kann ich wirklich nur empfehlen. Die Leute dort sind bunt, von blond mit blauen Augen bis schwarzhaarig mit schwarzen Augen. Und alle sind Juden.

!!INFOKASTEN!!

Wer sitzt im Jüdischen Theater in Berlin im Publikum?

Sehr gemischt. Seit wir hier in Neukölln sind, seit anderthalb Jahren jetzt, kommen viele junge Leute aus dem Kiez. Das ist sehr erfrischend. Auch die Nachbarschaft freut sich, dass es hier jetzt ein Theater gibt. Vor einem Monat kam eine Gruppe von achtzehn muslimischen Frauen. Sie wollten mit uns einen Abend in einer jüdischen Familie verbringen. Das war wirklich sehr rührend für mich.

Was sind Ihre Zukunftspläne mit dem Jüdischen Theater?

Ich habe ein neues Projekt begonnen, das sich mit der Bücherverbrennung beschäftigt, die hier in Berlin angefangen hat. Letztes Jahr haben wir den ersten Versuch gemacht. Eine zweitägige Lesung von über dreißig Autoren. Prominente Künstler und Politiker, darunter Judy Winter, Claudia Roth, Ursula Mohn, Barbara Schöne und Gregor Gysi, haben hier im Theater vorgelesen. Mein Wunsch für nächstes Jahr ist, dass wir im Mai die Lesungen auf dem Platz an der Staatsoper machen können, wo die Bücherverbrennung stattgefunden hat. Dazu möchte ich den ganzen Platz in die Illusion von Flammen hüllen. Die Aufgaben die noch auf uns warten sind riesengroß.

Im Gegensatz zu vielen anderen kulturellen Einrichtungen in Berlin, bekommen Sie keine staatlichen Fördergelder. Warum nicht?

Leider haben die Politiker noch nicht erkannt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Seit acht Jahren kämpfe ich um eine Finanzierung, um minimale Beträge, ich rede von Summen von jährlich 150.000 Euro. Wir kriegen keinen Cent. Warum kriegt jedes Clowntheater in dieser Stadt, das „keine besseren“ Produktionen macht als wir – ich sage „nicht besser“, um nicht das andere Wort sagen zu müssen – Förderungen? Da sitzen teilweise nur fünf Figuren im Publikum.

Was gefällt Ihnen am Leben in Berlin, was nicht?

Die Stadt ist wunderschön, sie ist dynamisch und bunt. Sie ist sehr bequem, alles ist schnell zu erreichen, egal ob mit dem Auto oder mit der Bahn. Das Wohnen ist bezahlbar, du kannst wunderbar essen. Ich lebe jetzt seit achtundzwanzig Jahren in dieser Stadt. Leider beobachte ich einen Wandel, der nicht überall positiv ist. Die Stadt ist sehr aggressiv, die Menschen sind aggressiv geworden. Wenn ich mit dem Bus fahre und sehe, dass alle, obwohl der Bus halb leer ist, stur vor der Tür stehen bleiben und niemanden durch oder raus lassen, stört mich das wahnsinnig. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Deutschland war sauber und ordentlich, damit bin ich groß geworden. Im Gegensatz zu Israel. Da war diese Einstellung verpönt. Ich habe zu meinen Freunden dort immer gesagt: `Ihr müsst mal sehen, wie man in Deutschland Ordnung hält.` Wo ist diese Ordnung geblieben? Der Eindruck, der bei meinen Landsleuten entsteht, wenn sie herkommen, hat sich verändert. Sie fragen ganz verwundert, warum denn nicht alles so sauber und ordentlich ist, wie man in Israel denkt.

Das jüdische Leben in Berlin ist…

… einfach wunderbar! Ständig entstehen neue Restaurants. Es wird immer mehr. Das Einzige, was ich mir noch wünsche, ist, dass diese neuen Möglichkeiten Normalität werden und von allen Berlinern genutzt werden, egal ob jüdisch oder nicht.



Das Jüdische Theater Berlin

Nora Wolfslast