Daniel Ben-Hur
D wie Deutschland und I wie Israel
 
Als der junge Kunststudent Daniel Ben-Hur im November 1988 nach Berlin kam, war er enttäuscht. Unfreundlich und kalt, so war das Berliner Wetter, so begegneten ihm die Menschen. Berlin war überhaupt nicht so, wie es ihm in seiner Heimat Israel erzählt wurde. Trotzdem ist er geblieben, bis heute.

Der 1958 in Jerusalem geborene Künstler Daniel Ben-Hur genießt das Leben an der Spreemetropole

So wie Daniel Ben-Hur kommen auch heute noch viele israelische Künstler nach Berlin, ziehen die Stadt an der Spree sogar London oder New York vor. Berlin ist günstig, aber noch viel mehr gilt es unter Israelis als chic, hier zu leben. „Speziell die ganz Jungen sind sehr an Berlin interessiert, saugen alle Informationen, die sie kriegen können, in sich auf. Kommen sie dann aber in der Realität an, ist alles ganz anders“, beschreibt Ben-Hur das Phänomen. „Kaum einer von ihnen bleibt", vermutet seine Galeristin Sara Asperger. "Daniel ist eine Ausnahme."

Die Marke Israel

Fast abstrakt wirken die bunten Ziffern auf dem Bild des israelischen Künstlers, das Teil einer Serie von insgesamt 26 Bildern istAber nicht nur in dieser Hinsicht ist der israelische Maler, Zeichner, Performance- und Aktionskünstler eine Ausnahme. Daniel Ben-Hur wehrt sich entschieden dagegen, allein als israelischer Künstler wahrgenommen zu werden. „Man deutet israelische Kunst in der Regel politisch, aber ich will nicht in eine solche Schublade gesteckt werden. Kunst, die nur politisch ist, ist Plakatkunst“, so Ben-Hur. Viele seiner kunstschaffenden Landsleute setzten aber genau auf dieses Klischee. Sie thematisieren zwar nicht mehr den Holocaust, aber der Palästinenserkonflikt spielt eine tragende Rolle in ihren Werken. „Die Marke Israel verkauft, aber so besteht die Gefahr, dass der Künstler als solcher in den Hintergrund gerät“, sagt Sara Asperger. Die Galerie Asperger, die neben Ben-Hur noch fünf weitere israelische Künstler vertritt, versucht daher nicht das Produkt Israel, sondern den Künstler zu präsentieren.

Buchstaben und Zahlen spielen die Hauptrolle

Trotzdem, noch in den achtziger Jahren waren die Arbeiten von Daniel Ben-Hur ausgesprochen politisch. „Erst der Abstand zu Israel hat mir gezeigt, dass mein Blickwinkel viel zu eng war. Ohne meine Wurzeln zu verdrängen, hat Berlin mich künstlerisch auf den richtigen Weg gebracht“, sagt der heute 49-Jährige rückblickend.

Das „D“ spielt die Hauptrolle in dieser Arbeit von Daniel Ben-Hur. Der Künstler hat das Werk in weniger als einer Stunde fertig gestelltNach einer zweijährigen Schaffenspause zu Beginn der neunziger Jahre fand Daniel Ben-Hur zu den heutigen Protagonisten seiner Kunst: Buchstaben des hebräischen und lateinischen Alphabets sowie Zahlen. Seit nunmehr zwölf Jahren dominieren sie sein künstlerisches Werk. Der Sohn eines Thora-Schreibers ergründet ihre Linien und Formen, aber auch ihre kulturgeschichtliche Herkunft und Prägung sowie ihre religiösen Dimensionen. Dabei bestimmt vor allem seine intensive Beschäftigung mit der Psychoanalyse den Schaffensprozess: Ob mit verbundenen Augen, der rechten oder linken Hand, vielfältig sind die Möglichkeiten, die Ziffern zu Papier zu bringen. Neben der rein künstlerischen Fragestellung ist es Daniel Ben-Hur vor allem wichtig, genügend Raum für den Zufall zu lassen und das Unbewusste zu finden. Durch das Alphabet ist er weder abhängig von der Idee noch der Muse. „Die Arbeit ist mit den Buchstaben und Zahlen da, und die stellen mir immer neue Aufgaben“, versichert der Künstler.

Zurück nach Israel?

Wie lange Daniel Ben-Hurs Kunst noch von Schrift- und Zahlzeichen bestimmt wird, vermag er nicht zu sagen. Auch nicht, wie lange er noch in Berlin bleiben wird. Seinen israelischen Pass will er nicht verlieren. Seine kleine Tochter Orlia erzieht er zusammen mit seiner US-amerikanischen Frau dreisprachig. Ben-Hur: „Berlin ist ein angenehmer Ort, aber ich habe keinen festen Plan für die Zukunft. Ich will es nicht ausschließen, auch wieder zurück nach Israel zu gehen.“

Michaela Dobbeck