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From Dachau with Love
 
Ikey Green ist 25 und kommt aus Tel Aviv. Vor sechs Monaten ist sie zu ihrem Freund nach Berlin gezogen, im Januar wird sie ihn heiraten. Ihr neues Heimatland bereitet ihr gemischte Gefühle, sie schwankt zwischen Liebe und Verachtung.

Ikey Green

Von Ikey Green. Aus dem Englischen von Eva Sudholt

Eine Nacht, bevor ich zu meinem deutschen Freund nach München flog, saßen wir in einer verrauchten Bar: meine liebe Schwester, ein paar gute Freunde und zwei Deutsche, die ich zwei Tage zuvor auf einer Demonstration in Ramallah kennen gelernt hatte. Wie üblich fingen wir an, unser Lieblingsspiel zu spielen: Das Holocaust-Alphabet. Man wählt einen Buchstaben und muss so viele Wörter wie möglich finden, die mit dem Holocaust zu tun haben und mit diesem Buchstaben beginnen. Urs und Hans, die das Spiel nicht kannten, tranken höflich ihr israelisches Bier und tauschten verschämte Blicke. Ein paar Buchstaben später fühlten plötzlich wir uns von ihnen gestört, als die zwei jungen Deutschen zielstrebig in das Spiel einstiegen und eine erstaunliche Anzahl an Wörtern erreichten, auf die nicht einmal wir gekommen wären.

Zugegeben, das Holocaust-Alphabet ist ein perverses Spiel, doch es hat nicht die Absicht, die Überlebenden zu verhöhnen. In Wirklichkeit ist dieser tiefschwarze Humor ein Schutz für uns, für die Dritte Generation, die mit unglaublichen Geschichten aufwuchs und die zurechtkommen musste mit dem Leben, dem Tod und dem Holocaust.

Doch wer gehört eigentlich zur „Dritten Generation“? In meinem Fall ist es klar: Meine Mutter wurde in Polen geboren und wanderte 1956 nach Israel aus. Ihre Eltern, die gerade noch rechtzeitig aus Polen hatten fliehen können, hatten ihre geliebte Familie und ihre Freunde zurückgelassen. Als sie später nach Polen zurückkamen, mussten sie feststellen, dass sie ermordet worden waren. Während einer Geschäftsreise kam meine Mutter eines Tages nach Bochum und besuchte eine Kunstausstellung – in einem Gasometer. Das war für sie Grund genug, um nie wieder zu kommen. Meine Großmutter väterlicherseits hatte viele Lager überlebt und scheute sich nicht, die Nummer auf ihrem Arm zu zeigen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Fixierung auf der Vergangenheit meiner Familie beruht oder auf meiner Leidenschaft für alles Morbide. Doch unsere Geschichte erklärt vielleicht, warum es schwer für mich war, nach Deutschland zu kommen.

Das Land der Mahnmale

Eine wilde Nacht lag hinter mir, in der wir fast alle Buchstaben durchgespielt und nicht einen Holocaust-Witz ausgelassen hatten. Die Gespräche endeten wie so oft bei der Israelischen Besatzung und führten, wie immer, nirgendwohin. Ich fühlte mich in der Lage, zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutschland des dritten Jahrtausends zu unterscheiden, und ich dachte, ich sei gut darauf vorbereitet, das kalte Land der Mahnmale zu besuchen, in dem mir der Anblick verrosteter Schienen eine Gänsehaut bereitet. Ich war davon überzeugt, dass der Schutzwall um mein Herz vollständig errichtet war.

Doch als ich im Elternhaus meines Freundes ankam, entschied ich mich, lieber still im Keller zu bleiben (wo wir übernachteten), und „Die siebte Million – Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung“ des israelischen Journalisten Tom Segev zu lesen. Als ich über Auschwitz las, realisierte ich, wie mich der Hass auf ein ganze Nation gefangen hielt: Hass auf ihr ehrliches, genaues Wesen, auf diese erfolgreiche Art, dieses Raue und Kalte. Hass auf diese sexy Sprache, die mich so anzieht und gleichzeitig erzittern lässt. Hass auf diese wunderschöne, reine Landschaft und auf dieses leckere Bier, das sauer schmeckt in meinem jüdischen Mund, den es nach Rache dürstet.

Hier im kalten Keller konnte ich nicht einmal Trost bei meinem Freund finden, einer deutschen Version von Nils Holgerson, der nie für möglich gehalten hätte, dass unser Refugium zu einem Debattierzimmer über den Holocaust werden würde. Und der es sicher nicht lustig fand, als ich dramatisch ankündigte, dass ich nun duschen ginge und mich freute, lebendig wieder raus zu kommen.

So viel Schönheit

Wir hatten lange, ermüdende Gespräche über den Holocaust, auch mit seinem Vater zusammen. Ein paar Weingläser später, wir diskutierten gerade über das neue Mahnmal in Berlin, empörte er sich schließlich, dass das Mahnmal bei den Deutschen nur Schuldgefühle auslöse, und dass endlich Schluss sein müsse mit dem Holocaust-Gedenken. Nils hielt dagegen, dass es wichtig sei, die Menschen an ihre Geschichte zu erinnern. Die beiden diskutierten bis zum nächsten Morgen.

Hinter der Feindeslinie hörte ich also zwei Deutschen dabei zu, wie sie über das sensibelste Thema von allen diskutieren, auf Deutsch. Und irgendwie fühlte es sich so privat an, als stritten sie über mich und meinen eigenen, persönlichen Schmerz. Mein ohnehin schon empfindliches Gemüt brach völlig in sich zusammen, und München kam mir plötzlich kälter und böser vor als jede andere europäische Stadt, die ich zuvor gesehen hatte. Nils, der vergeblich versuchte, die Dinge ins Lot zu bringen, zeigte mir das grüne Bayern mit seinen Blumen und Feldern an einem perfekten, bunten Frühlingstag. Doch diese ganze ländliche Idylle deprimierte mich noch mehr und erinnerte mich an mein kleines Heimatland, in das wir vor so vielen Jahren getrieben worden sind. Ich fand, dass den Deutschen so viel Schönheit nicht zustünde.

Später zeigte er mir seine Grundschule, den gepflegten Schulhof, den manikürten Rasen und diese glänzend sauberen Klassenräume mit den Kruzifixen an der Wand. Und als ich da so stand und dieser Stille lauschte, einer Stille, die ich zuhause nie finden würde, wusste ich, dass dies nicht der Ort für ein Mädchen aus Tel Aviv ist. Selbst als mich mein süßer Kavalier nach Neuschwanstein schleppte, schlug meine sarkastische Zunge nach ihm aus.

Verleugnung

Als wir uns vor drei Jahren kennen lernten, machten Nils und ich lange Spaziergänge durch Berlin und sprachen über alles, was uns in den Sinn kam. Irgendwann fragte er mich, ob ich schon im Jüdischen Museum oder am Holocaust-Mahnmal war. Ich tat ganz nonchalant und sagte, dass mich diese Dinge überhaupt nicht interessierten. Er starrte mich nur an mit seinen blauen Augen und hielt sich schweigend zurück. Er konnte nicht ahnen, dass Verleugnung meine Art ist, mit den Dingen umzugehen, und dass ich mich besonders unwohl fühlte, sie mit ihm zu diskutieren. Erst, als er mich in Israel besuchte, merkte er, wie sehr mich der Holocaust beschäftigt, der doch ein Teil von mir ist, ein Teil meiner Familie und ein Teil von Israel.

Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, hoffte ich, ich könnte „diesen Teil“ der deutschen Geschichte ignorieren. Und ich wusste, ich würde bestimmt nicht mit Einheimischen darüber diskutieren, damit sie nicht denken, ich würde sie an ihre Geschichte erinnern, sie verurteilen oder gar beschuldigen wollen. Aber Leugnen funktioniert nicht in Berlin, alles erinnert an die jüdische Vergangenheit: Die Bahn Richtung Wannsee oder Oranienburger Straße, die alten U-Bahnstationen mit der altdeutschen Schrift, und irgendjemand, der immer „Raus“ oder „Achtung“ ruft. Und selbst vor dem KaDeWe, das ich vergnügt verlasse mit meinen Einkäufen in der Hand, werde ich jäh aus meiner Fröhlichkeit gerissen: Ein monströses Schild erinnert mich daran, niemals die Menschen zu vergessen, die in die Konzentrationslager gebracht wurden. Mich, eine Verräterin meiner Großeltern und des ganzen jüdischen Volkes, die durch die Straßen der Diaspora schlendert, mit Einkäufen von den Goys, und die dabei auch noch Spaß hat! Berlin ist wie ein strenger Lehrer, der mir nicht erlaubt, meinen Geschichtsunterricht zu schwänzen.

Nils in Palästina

Nils ist 30. Er erzählte mir, dass er schon immer nach Israel wollte. Im März 2006 kam er zum ersten Mal. „Warum wolltest Du denn schon immer nach Israel“, forderte ich ihn heraus, „wegen der deutschen Geschichte?“
„Wegen der Verbindung zwischen Deutschlands Vergangenheit und der Lage im Nahen Osten heute“, sagte er unverblümt.

An seinem ersten Tag im geteilten Jerusalem bestand er darauf, Yad-Vashem zu besuchen, während ich die Gelegenheit nutzte, in der wunderschönen deutschen Siedlung herumzuspazieren. Ich erinnere mich, dass ich wütend auf ihn war. Ich wollte, dass er sich schuldig fühlte. Er kam zurück und sagte lange kaum ein Wort. Yad-Vashem war eine so erschlagende Erfahrung, dass er danach wie betäubt war.

Die zynischen Witze und perversen Assoziationen, die einfache Wörter hervorrufen können, überraschten und schockierten ihn. Am letzten Tag seines Besuchs standen wir an der Bushaltestelle und hörten, wie ein junger Mann sagte: „Oh Mann, das ist hier ja wie in Treblinka!“ Nils versteht kein Hebräisch, aber nach zwei intensiven Wochen mit mir und nach langen Gesprächen mit meiner Mutter (die viel wütender ist und bessere Holocaust-Anekdoten kennt) verstand er sehr wohl den Zusammenhang zwischen einer Schlange wartender Menschen und dem Wort „Treblinka“. Er seufzte matt.

Schatten der Vergangenheit

In den letzten drei Jahren haben wir uns gut kennen gelernt, mein deutscher Mann hat viel jüdischem Sarkasmus und vielen gemeinen Beobachtungen standgehalten. Vor ein paar Monaten habe ich mich entschieden, meine schlechten Manieren abzulegen, aber manchmal finde ich mich in den unwiderstehlichsten Situationen wieder, wie damals, als mein Freund mich fragte, was er meiner Mutter aus Deutschland mitbringen könnte, und ich augenblicklich erwiderte: „Ihre Familie“. Er ignorierte den bitteren Seitenhieb.

Kann eine Beziehung funktionieren, wenn ein so gewaltiger Abgrund zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart klafft, zwischen der Dritten Generation der Deutschen und der Juden (und besonders der Israelis)? Ein anderer Deutscher würde mein Verhalten wahrscheinlich nicht ertragen.

In Wahrheit spielen unsere Gene eine große Rolle: Die einen leben im Schatten der Vergangenheit, die anderen nicht. Auch wenn an einem Ort, wo Menschen wegen ihrer Gene umgebracht wurden, die DNA kein gesundes Argument sein kann, komme ich an meinem eigenen Genpool nicht vorbei: Meine Mutter, die mich nicht in Berlin besuchen will, und meine Schwester, die diesen Judenschmerz nicht mit sich herumträgt. In der Hoffnung, meinem Leid zu mildern, sagte sie zu mir: „Als ich in Japan war, habe ich einen Deutschen kennen gelernt, der sofort anfing, sich zu entschuldigen, als ich ihm erzählte, dass ich Israelin bin. Er fragte, ob ich ihm jemals verzeihen könnte … Ich starrte nur auf seine Lippen, die sich so sexy bewegten, und auf seine starken, tätowierten Arme – doch er hörte nicht auf. Nur Gespräche über den Holocaust, bis ich schließlich sagte: ‚Das macht mich nicht gerade an, hör besser auf damit!’“ Und dann sagte sie: „Dein Mann interessiert sich für Politik und Geschichte. Das einzige, was Dich interessiert, ist, Dich selbst zu quälen.“

Diese sexy Sprache

Ist dass der wahre Grund, warum ich mit ihm zusammen bin? Oder ist es andersrum? Bin ich mit ihm zusammen, obwohl er Deutscher ist? Und wie kann man eine Zukunft mit jemandem aufbauen, der nicht genau weiß, wo sein Großvater 1939 war? Warum wirken diese Kultur und diese Sprache so anziehend auf mich, woher kommt der Ehrgeiz sie zu lernen? Warum möchte ich ihre Bücher und Gedichte lesen, ihre Filme und ihre Musik verstehen?
Und Berlin, bin ich in diese unglaubliche Stadt wegen ihrer Vergangenheit oder wegen ihrer hoffnungsvollen Zukunft verliebt?

Wenn ich durch die breiten Straßen Berlins laufe und versuche, mich ein bisschen heimisch zu fühlen, spuken ein paar Zeilen aus dem Buch „Israelis in Berlin“ von Fania Oz-Salzberger in meinem Kopf herum: „Es bleibt rätselhaft, wie man als Israeli in Berlin leben kann, ohne immerzu das Weinen Hunderter Mütter im Konzentrationslager Flossenbürg zu hören, die gerade begreifen, dass ihre Kinder nach Auschwitz gebracht werden. Ohne durch alle Großstadtgeräusche hindurch die Stille um die toten Babys von Majdanek zu hören.“

Salzbergers Worte verfolgen mich nicht, sie tadeln mich. Und für mich gibt es kein „Rätsel“: Ich kann es nicht. Aber vielleicht finde ich heraus, wie ich mit beiden Welten jonglieren kann, indem ich andere beobachte, genauso wie mich selbst, und indem ich versuche, tatsächlich hier zu leben. Den Blick in eine leuchtende Zukunft gewandt, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen.



Die Historikerin Oz-Salzberger im Interview: Darf ein Israeli Berlin lieben?