Neu-Hauptstädter
Wie Curry ohne Wurst
 
Auf die Welt kam er in Argentinien, arbeitete in Venezuela und Miami. Im Juli kam Aaron Sagui (36), der neue Pressesprecher der israelischen Botschaft, mit seiner Frau Lihi (36) und den zwei Söhnen nach Berlin. Im Interview erzählen die beiden, was sie an Berlin mögen - und von ihrer ersten Nudistenerfahrung.



Frau und Herr Sagui, was war Ihr erster Eindruck von Deutschland als Kind?

Aaron Sagui (AS): Deutschland ist für uns in Israel mit dem Holocaust verbunden, mit dem Mord an sechs Millionen unserer Brüder und Schwestern durch die Nazis. Am Anfang hatte ich einen negativen Eindruck. Über die Jahre entstehen andere Sichtweisen. Eine Sache ist die Vergangenheit und eine andere die heutige Zeit: meine Auffassung von Deutschland hat sich geändert, lange bevor ich hierher kam.

Lihi Sagui (LS): Prägend für mich waren Filme, in denen die Bösewichte immer deutsche oder Sowjet-Akzente hatten. Als Kind sieht man die Dinge in schwarz oder weiß – und dann wird man erwachsen und betrachtet Dinge auf eine vielschichtigere Art und Weise. Jedoch sind diese Dinge sehr verwurzelt in der Auffassung von Kultur, Sprache und Geschichte.

Was haben Sie heute für eine Vorstellung von Deutschland?

LS: Es ist eine großartige Erfahrung in Europa zu leben, besonders nachdem wir in den USA gewohnt haben. Ich fühle mich manchmal wie im Film. Die Straßen sind so, wie sie vor hundert Jahren waren. Faszinierend und schön. Ich bewundere, wie die Berliner Bürger die Zerstörung bewältigt haben.

Glauben Sie, dass sich die Ansichten der Deutschen geändert haben?

LS: Eine ganze Generation, die nach dem Holocaust geboren wurde, hat daraus gelernt – so wie wir. Ich bin mir sicher, dass Leute in meinem Alter Distanz aufgebaut haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass es schwierig ist für die Deutschen, mit der Geschichtslast auf den Schultern, weil sie nicht vor ihr fliehen können.

Erschwert Ihnen diese Geschichtslast, Leute in Berlin kennenzulernen?

AS: Nein, überhaupt nicht. Wir unterscheiden klar zwischen den Menschen damals und den Menschen, die wir heute antreffen in Berlin. Es gibt Ausnahmen, aber Deutschland heutzutage ist anders. Wir lernen Leute kennen, die wie wir sind und dieselben Werte und Prinzipien teilen – Freiheit, Demokratie, Akzeptanz von Minderheiten.

Was war Ihr erster Gedanke, als Ihnen gesagt wurde, „Sie ziehen nach Berlin“?

AS: Ich habe mich gefreut, in diese bedeutende und schöne Hauptstadt zu kommen, dachte aber auch an die Herausforderung in einer Stadt mit solch einer historischen Bedeutung zu arbeiten. In persönlicher Hinsicht war es ein wenig furchtflößend, eine neue Sprache von Grund auf zu lernen.

LS: Ich war aufgeregt. Für mich ist es das erste Mal in Berlin, und ich habe gehört, dass es eine sehr kosmopolitische Stadt sei – das neue Paris. Wir haben zwei kleine Jungs. Sie sind vier und sechs Jahre alt und waren ganz aus dem Häuschen, als wir ihnen vom Umzug erzählten. Da sie Märchen lieben, und nun im Land der Gebrüder Grimm leben würden.

Wie gefällt Ihnen das Leben in Berlin?

LS: Bevor wir hierher gekommen sind, haben wir zwei Jahre in Miami gelebt. Wir kommen aus der Plastikwelt, dem Disney-Teil der USA. Der Umzug nach Berlin war eine große Veränderung.
Als wir mit den Kindern in den Gärten von Sanssouci in Potsdam waren, war unser Kleinster so überwältigt vom Schloß und der Kulisse, dass er rief: „Wer würde aus Deutschland weg wollen?“ Die Kinder sehen Dinge hier in Berlin, die sie nie in Miami oder Israel zu Gesicht bekämen.

Welche merkwürdigen Dinge sind Ihnen in Berlin passiert?

AS: Wir waren mit den Kindern in den „Tropical Islands” (Badelandschaft vor den Toren Berlins, Anm. d. Red.). In der gemischten Umkleidekabine zog ein alter Mann einfach seine Unterhose herunter, so als ob es nichts Besonderes wäre.

Gibt es etwas in Berlin, das Sie an ihre Heimat erinnert?

AS: Für mich hat die Stadt viele Aspekte, die mich an Tel Aviv erinnern: die Theater, die Kinos, die vielen Cafés, die Architektur, die vielen jungen Leute – Berlin ist eine dynamische Stadt wie Tel Aviv. Nur größer…

Welche Dinge vermissen Ihnen am meisten?

AS: Was mir fehlt, ist, dass ich nicht länger in meiner Freizeit in kurzen Hosen und T-Shirt rumlaufen kann – wie ich es sonst fast das ganze Jahr über getan habe in Israel, Caracas und Miami. Hier komm' ich kaum dazu.

LS: Während der Feiertage liegt etwas in der Luft. Wir feiern Chanukka, aber davon bekommen wir hier nicht viel mit. Was man fühlt, ist Weihnachten. Aber das ist Teil der Erfahrung, wenn man als Jude in der Diaspora lebt. Wir sind keine religiösen Juden, wir gehen nicht jeden Samstag in die Synagoge, aber wir bewahren die kulturellen Traditionen.

Werden Sie Berlin je als Íhre Heimat bezeichnen können?

AS: Unsere Heimat ist und wird immer in Israel sein, aber in den nächsten paar Jahren wird Berlin der Ort sein, an dem sich unser Leben und unsere Routine abspielt. So wird Berlin zu unserem Zuhause.

In diesem Sinne: wie schmeckt Ihnen die Berliner Currywurst?

LS: Wer? Was? (Ihr Ehemann erklärt ihr die Currywurst) Hab ich noch nie gegessen. Ich bin nicht koscher, ich kann essen, was ich mag. Wurst mag ich, aber mit Curry hört sich das sehr seltsam an.

AS: Ich hab sie zweimal gegessen. Um ehrlich zu sein: ich mag Curry, und ich mag Wurst – aber nicht zusammen.

Interview: Daniel Schmidt