Mascha Kaléko
Die Berlin-Dichterin
 
Zwei Jahrzehnte lebte die Dichterin Mascha Kaléko, eine im galizischen Schidlow geborene Jüdin, in Berlin. Niemand hat der Stadt schönere Gedichte geschenkt. Dieses Jahr wäre sie, die in Amerika und Israel nicht glücklich wurde, hundert Jahre alt geworden.



Mascha Kaléko kam erst 1956 wieder, Berlin war immer noch ruiniert von der tausendjährigen Schande seiner Bewohner, Berlin war nicht die Stadt, die die jüdische Dichterin einst verlassen hatte. Und Mascha Kaléko ging. Über den Ku’damm, bis zum Nollendorfplatz, sie passierte die Joachimsthaler Straße, die Fasanenstraße. Sie ging auch in die Bleibtreustraße. Dort hatte sie zuletzt gelebt, am Ende ihrer Berliner Jahre, bevor sie emigrieren musste. Als ihr von den Nazis die Heimat entrissen wurde. Sie übersiedelte nach New York, später nach Jerusalem. Berlin blieb ihr trotzdem, irgendwie, ein Leben lang.

Berlin, Berlin

Mascha Kaléko ist nie mehr zurückgezogen in die Stadt, die sie, die Tochter eines russischen Juden und einer österreichischen Jüdin zur Dichterin hatten werden lassen. 1956 also reiste sie, auf ihrer ersten Deutschland-Reise, seit sie der Shoah entkam, zuerst nach Hamburg, Stuttgart, München, Frankfurt. Berlin näherte sie sich über Umwege, und viele Pfade hatte sie, in den beinah zwei Jahrzehnten in New York, zwischen ihr Herz und die zerstörte Stadt, in der sie einst gelebt hatte, geschlagen. Aber sie atmete Vergangenheit, sie hatte ein Rendezvous mit der Liebe von einst. Ein Grauschleier des Nicht-Vergebens hatte sich auf diese Liebe gelegt. Kaléko war Ende der 1920er Jahre zur Dichterin der Großstadt geworden, und sie machte Berlin nach der besuchsweisen Rückkehr wieder zum Gegenstand ihrer autobiographischen Dichtung.

Lyrisch – und deutsch

Es war die Sprache, die bei Dichtern noch viel mehr Weltzugang ist als bei anderen, die den schuldig gewordenen Deutschen die unverdiente Anhänglichkeit der Juden schenkte, die Kaléko war, zurück in Deutschland, gern gesehen. Ihr Lyrikband „Das lyrische Stenogrammheft“ verkaufte sich zehntausendfach, und die Emigrierte fühlte sich rehabilitiert. Auch wenn ihr niemand die verlorenen Jahre wiedergeben konnte. „Ihr“ Berlin war unwiederbringlich Vergangenheit. Die Bomben hatten die Stadt entstellt, so wie die Nazis einen Teil Deutschlands für immer diskreditiert hatten.

Neue Sachlichkeit

Ihre stets leise-ironischen Gedichte wurden der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. In den 1930er Jahren war sie der weibliche Erich Kästner. Sachlich wollen wir ihre Berlin-Miniaturen, die sanft das Leben und Lieben der kleinen Leute beschrieb, eigentlich nicht nennen. Sachlich waren sie, weil sie nicht surreal, Dada oder expressionistisch waren. Liebevoll und voller Sentiment waren sie, weil sie die Alltagsbeobachtungen in der Großstadt zu Papier brachten. Meistens ohne moralisch zu sein, zu werten oder zu trauern.
Es ist das heile Bild einer Heimat vor dem Sündenfall. Niemand, der daran zweifelte, dass die Verfasserin dieser stets wehmütig-leichten Verse eine libidinöse Bindung zu ihrer Stadt hat. Nicht weniger wahrhaft werden die Texte nach Mascha Kalékos Rückkehr nach Berlin.

Sie zeigen ein Berlin, dessen Glanz ein Glanz früherer Tage ist. Ein Schatten hat sich auf Kalékos Seele gelegt und auf Berlin, aber ihre zwei Jahrzehnte in Berlin, von 1918 bis 1938, die die Jahre der Empfänglichkeit waren, haben die einstige Heimat zum Bezugspunkt ihrer Vita werden lassen. „Ein sehr merkwürdiges Erlebnis“ sei es, schreibt sie ihrem in New York wartenden Mann Chemjo Vinaver – seinetwegen wird sie später nach Israel auswandern und dort nie heimisch werden –, „in diesem so veränderten, aber doch noch erkennbaren Berlin wieder wie vor langer Zeit auf einer Caféterrasse zu sitzen. Und wieder, wie damals – vor den sagenhaften ‚tausend Jahren’ – den Kurfürstendamm hinabzuschlendern, wieder sein Buch in den Schaufenstern der Berliner Buchläden zu sehen, wieder den Duft der märkischen Föhren in Grunewald zu wittern und das so lang vermißte Gezwitscher heimatlicher Spatzen zu hören, früh beim Erwachen. Das mag nichts Besonderes scheinen – solange man es hat. Wenn man aber, sechstausend Meilen weit entfernt und achtzehn Frühlinge lang, sich vergeblich danach sehnte, so wird alles zu einem bedeutsamen Ereignis. Nun, vieles erkannte ich wieder in meinem Berlin, und manches erkannte auch mich. Aber so viel fehlte“.

Mascha Kaléko zog von Berlin nach New York nach Jerusalem. Sie hatte sich längst die Liebe zur Heimat erkoren. Sie dichtete weiter Deutsch. Wie seltsam das anmutete, war ihr selbst bewusst: „Mich trieb von Berlin nach Amerika/Ein Abschnitt der jüngsten Geschichte./Nun sitz ich im fernen New York, U.S.A./Und schreibe dort – deutsche Gedichte!“



Hören Sie das Interview mit der Kaléko-Biografin Jutta Rosenkranz


Ausstellung zum 100. Geburtstag im Literaturhaus

Thomas Andre