Künstlerin Rachel Kohn
Jüdisch zwischen Israel und Berlin
 
Die jüdische Künstlerin Rachel Kohn lebt seit vierzehn Jahren mit ihrer Familie in Berlin. Die Stadt ist ihre Heimat, hier spielt sich ihr Alltagsleben ab, hier gehen die Kinder zur Schule. Und doch ist die Verbindung zu Israel präsent - es zieht die Familie so oft es geht an das Land am Toten Meer.



Kleine Häuser und Türme, seltsam verdreht, mit Treppen und ohne verstecken sich in den Beeten. Dazwischen plastische Formen, manche erinnern an Stühle, andere an tönerne Fensterfronten. Wer den versteckten Hinterhof in Berlin-Charlottenburg betritt, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Von der Hektik der Hauptstadt ist hier nichts zu spüren. Eine kleine Remise inmitten der Häuserwände ist Atelier und kreative Insel für die jüdische Keramikerin und Bildhauerin Rachel Kohn.
In diesem Atelier entstehen nicht die üblichen Gebrauchsgegenstände wie Schalen, Tassen und Teller. Auf hölzernen Böcken stehen Skulpturen, in einem weiteren stapelt sich bunt bemalte Keramik. Die Künstlerin Rachel Kohn wurde 1962 in Prag geboren. Sie wuchs in München auf und besuchte dort die Akademie der Bildenden Künste. Seit 1993 lebt sie mit ihrem Mann in Berlin.

Judaica in moderner Form

Einen besonderen Teil ihres künstlerischen Schaffens widmet die Mutter von drei Kindern den Judaica. Judaica sind jüdische rituelle und sakrale Objekte wie Chanukka-Leuchter, Mesusot (Behälter die an den Türpfosten gehängt werden, häufige Geschenke zur Hauseinweihung), Kiddusch-Becher und Seder-Teller für das Pessachfest. Das Besondere der Objekte bei Kohn ist die Gestaltung. Aus Ton formt sie bunte und ungewöhnliche Formen. So wird aus dem klassischen Chanukka-Leuchter ein „Weihnukka-Leuchter“ mit kleinen Kerzen, kreisrund um einen Tannenbaum angeordnet. Oder eine tönerne Chanukka-Kommode, aus deren Schubladen täglich ein neues Flämmchen geholt wird, ein Puzzle oder kleine Geschenkpäckchen. „Ich versuche neue Formen für die rituellen Gegenstände zu finden, sie moderner, verspielter und mit meinem Material, der Keramik zu gestalten.“

Israel in den Ferien, Berlin im Alltag

Familie Kohn hat nach zehnjähriger Pause heute wieder einen engeren Bezug zu Israel. Die gemeinsamen Urlaube verbringt sie nicht wie andere Familien in der Türkei oder Spanien, sondern im Heiligen Land. „Mein Mann hat Verwandte dort, die über 90 sind und die wir so oft es geht besuchen.“ Auch die zehnjährige Tochter hat schon eigene Israel-Erfahrungen gesammelt. „Sie ist mit anderen Kindern zehn Tage durch das Land gereist, organisiert von der Jüdischen Schule Hamburg.“ Familie Kohn lebt koscher und besucht die Synagoge. „Das heißt nicht, dass wir keine normale Butter oder Käse essen.“ Gründe für den Umzug von München nach Berlin waren die große und lebendige jüdische Gemeinde und die interessante Künstlerszene der Stadt. Beteiligten sich Rachel Kohn und ihr Mann anfangs noch aktiv in der jüdischen Gemeinde Berlin, sind sie heute ein bisschen enttäuscht. „Es gibt Streit unter den Repräsentanten. Die Gemeinde hat sich nicht im besten Licht präsentiert in der letzten Zeit.“ Für die Zukunft wünscht sich die Künstlerin, dass die Synagoge wieder zu einem zweiten Zuhause für die Berliner Juden wird: „Ein lebendiger Ort des Glaubens mit liberaler Ausrichtung, nicht starr. Die Gemeinde sollte wieder positiv und konstruktiv agieren und interessante Angebote für alle Altersgruppen bieten.“

Ein Denkmal in Berlin, ein Mahnmal für Niedersachsen

In ihren Skulpturen verarbeitet die Künstlerin nicht nur biografische Elemente. Eins der auffälligsten Werke, das in den verschiedensten Größen und Entwicklungsstadien im ganzen Atelier präsent ist, zeigt ein Kinderbettchen mit einer bedrohlichen schwarzen Wolke darüber. Es ist der Entwurf für ein Mahnmal. Das Werk wird in Bronze gegossen und soll im Mai 2008 im Niedersächsischen Otterndorf aufgestellt werden. Mit dem Denkmal will die Stadt an vierzehn Kinder von NS-Zwangsarbeiterinnen erinnern, die ihren Müttern weggenommen wurden und vermutlich an Vernachlässigung starben oder verhungerten. Auch in Berlin wurde ein Mahnmal Kohns aufgestellt. Es erinnert an der Bismarckstraße an einen kleinen Jungen, der von einem rechts abbiegenden LKW überrollt wurde und starb.

Nora Wolfslast