Israel oder Berlin?
Die Heimat ist ein Sehnsuchtsort
 
Junge Juden in Berlin: Wo die Zeitzeugen der Shoah aussterben, richten sie sich in der Normalität ein – und träumen von Israel. Dana Bairamov und Sivan Neuman mögen Berlin. Leben wollen sie trotzdem in Israel.

Sivan Neumann - noch Charlottenburg, bald Israel?

Dana Bairamov saust förmlich in den großen Raum, sie schaut dabei weder nach links noch nach rechts und gibt sich keine Mühe, leise zu sein. Ein alter Mann dreht sich um und schaut ein wenig grimmig. Kein Wunder, er betet gerade, denn der große Raum ist eine Synagoge und die 24-jährige Dana eine Ruhestörerin, ein kleines Bisschen zumindest. Sie tut das ja nicht oft, einfach so in die Synagoge gehen, um einem Besucher das Gotteshaus zu zeigen. Der hätte gar nicht vermutet, dass hier zu Gott gebetet wird. Von außen wirkt das Gebäude in der Joachimstaler Straße überhaupt nicht sakral, sondern wie ein normales Wohngebäude.
Und Dana schaut nicht wie eine Jüdin aus. Das sagt sie selbst und deswegen darf man das vielleicht sogar so schreiben. Früher, schon bevor in Europa beinah jegliches jüdische Leben ausgelöscht wurde, hatten die Antisemiten Juden auch mit dem Verweis auf ihre angeblich typische Physiognomie diskriminiert. Sie denke, sagt die junge Frau, nicht oft an die Shoah. Dana ist in Aserbaidschan geboren, mit elf Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Berlin, jetzt lebt sie seit einem Jahr wieder hier, nachdem sie vorher sechs Jahre in der Schweiz und Israel verbracht hat.

International im Jugendzentrum


Polyglott und vielgereist: Dana Bairamov lebt gerne in Berlin. Und Israel „Ich bin international“, behauptet die selbstgewisse Berlinerin, die fließend Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch spricht. Blaue Augen hat sie, aus denen sie herausfordernd blicken kann. Seit Dana ihre Arbeit - ein Fulltime-Job! - aufgenommen hat, kommen die jungen Mitglieder der Gemeinde wieder ins Jüdische Jugendzentrum in Charlottenburg. Die Räume befinden sich im Gebäude hinter der Synagoge, früher war hier mal eine Schule. Seit 1935 war das, die jüdischen Kinder konnten nicht mehr in ihre alten Klassenzimmer, weil spätestens seit den Nürnberger Rassegesetzen Juden unerwünschte Bürger waren. 70 Jahre später riecht es hier immer noch nach Schule. An den Wänden hängen Poster von israelischen Soldaten und amerikanischen Konsumprodukten, russische und deutsche Sätze schwirren durch die Räume. Auch hier hat die Gegenwart des deutschen Judentums einen kräftig östlichen Anstrich. 85 Prozent der 13.000 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sind nach der Wende aus der ehemaligen Sowjetunion in die Hauptstadt gekommen.

1994 nach Deutschland

Dana kam 1994. Besuchte die Jüdische Oberschule in Mitte und wuchs auf in einem moderaten religiösen Umfeld. Ihr Großvater hatte einst mit der Roten Armee in Berlin gestanden, jetzt steht sie ihre Frau in dem vorher danieder liegenden Jüdischen Jugendzentrum. 100 Jugendliche waren zuletzt bei der Schabbat-Feier. Ein Erfolg für die meist Rastlose, die man wohl eine Powerfrau nennen kann. Ihr Handy klingelt unentwegt, und wenn sie das Display des mobilen Quälgeists aufklappt, erlaubt sie sich schon mal ein kurzes Aufstöhnen.
Sie ist Ansprechpartnerin für die sorgsamen Eltern, die natürlich gutheißen, „dass wir helfen, der Erziehung der Jugendlichen eine jüdische Note zu geben“. Dass es auch um die Unterschiede von russischer und deutscher Tradition geht, ist eine andere Geschichte. Und noch eine ganz andere: die Rolle der Frau in der jüdischen Kultur. Die Mutter, erklärt Dana, sei in ihrem Kulturkreis dominanter als im Christentum, „und ich bin sowieso emanzipiert“.
Die Jugendlichen, die regelmäßig in die Joachimstaler Straße kommen, sind interessiert. Sie erhalten musischen Unterricht, und oft wird diskutiert. Über jüdische Identität und die Geschichte der gemeinsamen Religion. Es ist ein jüdisches Beisammensein, das anderswo irritiert.
Ein lauer Sommerabend in Jerusalem. Die Deutschrussin ist zum Studieren in die Stadt gekommen, sie ist bei Bekannten zu Gast. Man sitzt entspannt zusammen, plauscht beim Cocktail. Und sie hört die Frage zum ersten Mal, die sie seitdem immer wieder beantworten muss – wie könne sie nur in Deutschland, dem Land der Täter leben? Auch die Dana von damals, die endlich ins Gelobte Land gereist war, wusste schon recht gut, dass das geht. Mit ihrer Familie, ihren Freunden, die längst nicht nur Juden sind, und jetzt, ein paar Jahre später, ist sie noch sicherer – Berlin bietet Möglichkeiten. Mit seinen vielen jüdischen Einrichtungen, zum Beispiel.

Polizisten in Berlin

Die offiziellen von ihnen werden freilich von Polizisten bewacht. Danas alltäglicher Gang führt sie vorbei an den Uniformierten zu der schweren Tür des jüdischen Hauses an der Joachimstaler Straße, man grüßt sich freundlich – und kennt sich eben. „Daran gewöhnt sich jeder“, sagt Dana, die sich sicher in Berlin fühlt. Manchmal sicherer als in Israel, dem Land, in das sie irgendwann zurückkehren möchte. Dort kriegen Muslime für einen eigenen Staat und ihren Gott. Selbstmordattentäter sprengen sich selbst ins Paradies, wie sie glauben, und die Israelis in einen nie wirklich endenden Taumel der Angst. Dana war oft in der Hillelstraße. Dort, in einem Café mitten in Jerusalem, ging im September 2003 eine Bombe hoch. Dana zuckt mit den Schultern, der Terror gehört wohl einfach dazu. Mit Berliner Jugendlichen ist sie regelmäßig in den Staat der Juden gereist. „Wenn unsere Jugendlichen in anderen Städten sind, merkt man ihnen den Stolz an, aus Berlin zu kommen.“
„Berlin ist cool“, sagen die jüdischen Teenager dann, und ihre Vorfahren auch: Die Jeans wurden von einem Juden erfunden, KaDeWe von einem Juden gegründet. Das wüssten ihre Kids ganz genau, berichtet die Pädagogin. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Auftrag berichtet, jüdische Identität zu vermitteln. Gleich wird sie in den Berliner Abend hinaus gehen, heute ohne den Davidstern. Aber meistens trägt sie ihn.

Exotisch in Charlottenburg

Sivan Neuman läuft oft mit der Kippa über den Ku’damm. Dann meint er oft die Blicke der Berliner zu spüren, für die die jüdische Kopfbedeckung ein exotischer Anblick ist. Es sind die Zeitläufte, die Dinge ändern, manchmal mit der Brachialgewalt eines Menschheitsverbrechens. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren Kippaträger nicht außergewöhnlich.
In keiner anderen deutschen Stadt, ja vielleicht der Welt, hatten sich das Judentum und die jüdische Kultur derart auf der Höhe ihrer Zeit entwickelt wie in der Metropole Berlin. Es wird nie mehr so sein wie früher, bevor die Schornsteine in Auschwitz den Rauch verbrannten Fleisches ausstießen. Man muss nicht Benjamins Engel der Geschichte kennen, um sich den Blick zurück mit schreckverzerrter Fratze vorzustellen.
„Ich werde schon ein wenig traurig, wenn ich alte Bilder vom pulsierenden jüdischen Berlin sehe“, sagt Sivan, der 21 ist und in den Büchern der Großmutter nachschaut, wenn er verblichene Fotos von einst betrachten will.
Trotzdem ist es für den Israeli normal, in Berlin zu leben. Er kam hier zur Welt, hat zwei Pässe, genau wie die beiden älteren Schwestern. Eine bürgerliche Wohngegend in Charlottenburg, Sivan, der eine Ausbildung zum Film- und Videoeditor macht, lebt noch bei seinen Eltern. Vor zwei Jahren, als das Holocaust-Denkmal eingeweiht wird, begibt sich auch der geschichtsbewusste junge Mann zwischen die großen Steinquader. Geht durch das Stelenmeer. Läuft und läuft. Bis er sich verloren fühlt. Sivan, der eigentlich zu jung ist, um die Entbehrungen und Verluste des Lebens kennen gelernt zu haben, spürt vielleicht in diesem Moment zum ersten Mal richtig, was es heißt, als Jude in Deutschland zu leben.

“Ich bin Berliner“

Seine Eltern sind in Israel geboren, die Eltern des Vaters wiederum stammen aus Europa, die Oma aus Berlin. Sie entkamen dem mörderischen Inferno, von den Nazis ermordet wurde niemand in Sivans Familie. Der Großvater kämpfte für die Engländer gegen Nazi-Deutschland, Ende der 1950er Jahre kehrte die Familie nach Berlin zurück.
„Ich bin Berliner“, sagt Sivan, dem seine jüdische Identität wichtig ist. Freitags geht er in die Synagoge. Immer in eine andere der insgesamt acht. An Feiertagen wirft er, der Modebewusste, sich in Schale. Dann ist sein bester Freund, ein Türke, verdutzt – „der kann sich ja nicht alle jüdischen Feiertage merken“. Das Judentum, sagt Sivan, sei relativ präsent in Berlin. Ein Freund aus Israel ist kürzlich hergezogen, der Cousin lernt am Goethe-Institut in Jerusalem Deutsch. 2008 ist es, übrigens, 60 Jahre her, dass Israel gegründet wurde, die Botschaft steht in Charlottenburg, nahe dem Grunewald. Dort ist auch die jüdische Grundschule, in der Sivans Mutter unterrichtet. Sivan hat an einem ‚normalen’ Gymnasium Abitur gemacht.

Hebräisch ohne Akzent

Als er im Sommer drei Monate in Israel für die ARD arbeitete, hielt ihn niemand für einen Deutschen. Hebräisch spricht er ohne Akzent, dunkel ist sein Haar, dunkel sind die Augen, und er schaut offen und freundlich. Mit seinem türkischen Freund streitet er nie wegen der Religion. Die Freundin, eine Israelin, die er ausgerechnet in Berlin traf, lebt wieder in Israel. Aber sie sei nicht der Grund, warum er, der bis auf sein Praktikum im Land der Mutter immer in Berlin gelebt hat, später in Israel leben will. „Viele meine Freunde haben auch Sehnsucht nach Israel.“
Er hat das jetzt studiert. Wie das ist in Israel. Dort zu wohnen, zu arbeiten. Zu leben. Er fühlt sich auch da zu Hause, und er wird nachdenklich, wenn er daran denkt, Berlin tatsächlich zu verlassen. Vielleicht wird er Heimweh haben.
Aber nach Israel scheint es ihn wie magisch zu ziehen. Als wäre es ein unbewusster Imperativ, im Land der Vorväter zu leben. Es ist ihr Land, der Staat der Juden. Und wenn Sivan vielleicht doch seine Pläne ändern sollte, wenn er in Berlin bleibt, dann ist wohl die attraktive Mixtur aus westlichem Lifestyle und jüdischem Leben, der sich nicht von dem in Tel Aviv oder Jerusalem unterscheidet, dafür verantwortlich.

Ganz sicher denken Dana und Sivan nicht jeden Tag an die traumatische Geschichte ihres Volkes. „Ich lebe ganz normal, fühle mich in der jüdischen Kultur auch hier zu Hause“, erklärt Dana.
Vielleicht ist für die Vielgereiste aber auch das Multikulturelle ein ewiger Hort ihrer Identität. Vielleicht ist das das Schicksal der jüdischen Generation Sehnsucht: In vielen Sprachen zu Hause sein, dabei eine Sehnsucht nach Israel zu kultivieren.
Es gibt einen Spiegelsaal im Jüdischen Jugendzentrum. Dort versammeln sich bei Festen die jüdischen Jugendlichen. Dana betritt den an diesem Nachmittag leeren, riesigen Raum. „Das Judentum ist kein Museum, es passiert im Hier und Jetzt.“ Sie steht beinah in der Mitte des Raumes, und betrachtet ihre Spiegelbilder.



Video: Homosexualität im Judentum

Thomas Andre